Die Wahrheit - der Hemmschuh in der Kommunikation

Wenn ich dir das Stichwort "Streitgespräch" nenne, kommen dir sicher sofort Beispiele dafür in den Sinn. Manche Streitgespräche werden von den Beteiligten durchaus emotional und mit lauter Stimme geführt. Das passiert mir selbst auch.

Als beobachtende Person oder in der Nachbetrachtung frage ich mich oft, wie sich solch heftige Wortgefechte entwickeln.

Eine Ursache dafür kann in der Wahrheit liegen.

Nun scheint die Wahrheit zunächst über jeden Zweifel erhaben zu sein. Die Gefahr liegt jedoch darin, dass wir Menschen vielfach unsere Erkenntnisse für wahr annehmen und falls sich das Wahrgenommene nicht mit dem Wahrgenommenen des Gegenübers deckt, wir dessen Erläuterungen leicht als unwahr abstempeln. So schaukeln sich immer wieder Gespräche zu Grundsatzdiskussionen.

Dabei spreche ich noch nicht einmal von rhetorischen Winkelzügen.

Um das näher zu erläutern und mögliche Auswege zu entdecken, möchte ich ein vereinfachtes Würfelbeispiel heranziehen.

Angenommen 2 Freunde (ich nenne sie Alex und Bob) sitzen sich einander gegenüber und zwischen ihnen liegt ein Würfel.

Würfel zeigt die Augenzahlen 1, 3 und 5

So sieht der Würfel für Alex aus. Alex sagt: "Auf dem Würfel sind die ungeraden Zahlen 1, 3 und 5."

Würfel zeigt die Augenzahlen 1, 2 und 4

Bob antwortet: "Die Zahlen auf dem Würfel verdoppeln sich von 1 auf 2 und 4."

Alex erwidert, das stimme nicht; es wären nur ungerade Zahlen auf dem Würfel. Ab hier entwickelt sich ein Streit.
Glücklicherweise bemerkt Carla die Streithähne und greift schlichtend ein. Sie empfiehlt den beiden einmal die Plätze zu tauschen, also ihren Standpunkt zu verändern und den Würfel aus dem Blickwinkel des Anderen zu betrachten. Als sie sich darauf einlassen, erkennen sie, wie eingeschränkt ihre jeweilige Sicht zuvor war.

Würfel zeigt Stern und die Augenzahlen 2 und 4

Alle sind sich nun einig, dass auf dem Würfel die Zahlenreihe 1, 2, 3, 4, 5 abgebildet ist. Kühn schließen die drei aus ihrer gewonnenen Erfahrung heraus, dass sich sogar noch die 6 auf der unsichtbaren Würfelunterseite befinden wird. Als Carla den Würfel auf den Kopf dreht, staunen sie alle, dass sich dort statt der erwarteten 6, ein Stern befindet.

Gehen wir an den Anfang unserer gedachten Auseinandersetzung. Alex und Bob äußerten zunächst beide ihre Ansichten, ihre Wahrheit. Erst der gegenseitige Zweifel an diesen Ansichten führte zum Streit.

So ist zunächst die individuelle Erkenntnis berechtigt. Der erweiterte Blickwinkel (durch die geteilte Erfahrung) bereichert unsere Akteure soweit, dass sie Folgeschlüsse daraus ziehen. Aus ihrer Sicht wäre eine 6 auf der sechsten Seite des Würfels am wahrscheinlichsten. Das erscheint mir auch logisch nachvollziehbar.

Trotzdem liegt hier zunächst nur eine Annahme vor. Erst das Aufdecken der sechsten Würfelseite gibt Gewissheit, oder anders ausgedrückt: erzeugt Wissen. Bei diesem Würfel ist auf der sechsten Fläche eben ein Stern abgebildet.

Wie hätten Alex und Bob wohl reagiert, wenn Carla schon vorher von dem Stern gewusst und ihr Wissen mitgeteilt hätte?
Wären sie, nach der vorherigen Erfahrung, neugierig und offen gewesen?
Oder hätten sie, ganz im Gegenteil, Carla verhöhnt, weil es doch "selbstverständlich", "logisch", "offensichtlich" oder "natürlich" ist, dass verdeckt eine 6 wäre?

Und sind Carla und ihre Freunde inzwischen offen für die ganze Vielfalt an Würfeln? Auch für 20-seitige Würfel? Oder ganz andere, die sie sich bisher noch nicht vorstellen können?

Können sie sich auf neue Perspektiven einlassen?

8 Würfel mit unterschiedlichen Merkmalen: Größe, Farbe, Symbole

 

2018-10

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