Das ist privat! Und das ist auch gut so!?

Ich habe doch nichts zu verbergen.

Wer hat diese Aussage zu Beginn einer Diskussion um Datenschutz noch nicht gehört?

Spontan drängeln sich bei diesem Ausspruch folgende Fragen in meinen Sinn und kämpfen darum, welche zuerst verschallt wird:

  • Wie sind deine Zugangsdaten für Online-Banking? Die ersten drei ungenutzten Nummern deiner TAN-Liste gib mir bitte auch dazu?
  • Schreibe mir bitte deine Kreditkartennummer auf, inklusive der Sicherheitsnummer auf der Rückseite - die ist ja nicht lang.
  • Wir kennen uns zwar nicht, aber kann ich bitte einen Schlüssel zu deiner Wohnung bekommen? Ich schaue mich auch nur um, fasse nichts an.
  • Zeige mir bitte deine jüngste Steuererklärung.
  • Es stört dich doch nicht, wenn ich die Kamera hier so in deinem Schlafzimmer aufstelle? Da kannst du ja noch gut drum herum laufen.
  • Wie hast du letztens gewählt?
  • Bevor du den Brief an ... zuklebst, lass mich das Schreiben noch eben durchlesen, bitte.

Ich denke, es ist offensichtlich, worauf ich hinaus möchte. Alle Menschen haben persönliche Punkte, bei denen ihnen Privatsphäre sinnvoll erscheint. Und dabei kann ich davon ausgehen, dass diese Leute im Grunde ihres Herzens gutmütig sind und im Prinzip nichts zu verbergen haben.

Das bedarf der Geheimhaltung (zum Gemeinwohl, der inneren Sicherheit, usw.).

Das ist scheinbar eine Aussage mit entgegengesetztem Inhalt zur vorherigen. Diesen Ausspruch kennen fast alle, die sich mit Transparenz im öffentlichen Wirken beschäftigen.

Dabei drängeln sich erneut Fragen in meinem Kopf, die der Aussprache harren:

  • Wie kann ich mich sicherer fühlen, wenn einige Mitglieder des Bundestages verbergen wollen, wer auf deren Entscheidungen Einfluss nimmt?
  • Warum werden Journalisten bei manchen Parteien von Versammlungen ausgeschlossen? Was haben diese Parteien zu verbergen? Sind sie wirklich demokratische Parteien?
  • Warum möchte ein anonymer Werbeanrufer mir nicht seine Kontaktdaten nennen?

Es gibt meiner Meinung nach Dinge im öffentlichen Wirken, die der begründeten Geheimhaltung bedürfen. Jedoch gibt es viele Dinge, die heute noch verschlossen bleiben, obwohl ein öffentliches Interesse daran besteht, Fakten allgemein zugänglich zu haben. Ein prominentes Beispiel dafür sind die Lobbylisten der in unseren Parlamenten vertretenen Parteien; bitte nicht verwechseln mit dem allgemeiner gehaltenen Lobbyregister des Bundestages

Wissen ist Macht

Das ist der gemeinsame Hintergrund in beiden Diskussionen.

In der einen Situation gibst du Informationen preis, die hoffentlich in deinem Sinne genutzt werden.
Jemandem, mit dem du seit Jahren Tür an Tür wohnst, gewährst du sicherlich Zugang zu deiner Wohnung, damit in deiner Wohnung während des Urlaubs die Blumen versorgt sind - dieser Mensch bekommt deinen Schlüssel.
Eine dir fremde Person lässt du möglicherweise nicht einmal in deine Wohnung, während du anwesend bist - deinen Schlüssel erhält jener Mensch schon garnicht.

In der anderen Situation geben Menschen, die in deinem Auftrag handeln, Informationen preis, um dir aufzuzeigen, dass dein Auftrag zu deiner Zufriedenheit erledigt wird.
Wenn deine Kommune den städtischen Haushalt öffentlich bespricht und dann aufzeigt, woher Einnahmen kamen und was mit dem Geld passierte, kannst du erkennen, ob deine Steuergelder in deinem Sinne ordentlich verwaltet wurden. Mag sein, dass du bei der nächsten Kommunalwahl mit deiner Stimme dazu beiträgst, dass wer anderes dich und deine Interessen besser vertritt.

Zugegeben sind die bisher dargestellten Positionen radikal - ganz oder garnicht.
Wie bei so vielen Dingen, spiegelt sich in den Diskussionen nur eine Teilwirklichkeit. In der Realität wird es weder den vollen Datenzugriff für alle, noch keinerlei Information für niemanden geben.
Die Wahrheit liegt mal wieder irgendwo dazwischen und ist für jede Situation neu zu betrachten und abzuwägen.

Im Kern geht es darum:

  1. Wieviel Informationspreisgabe ist für eine Situation oder einen Vorgang erforderlich?
  2. Ab wo birgt weitergehende Informationspreisgabe eine Gefahr?
  3. Wie gestaltet sich praktikabler, sinnvoller Informationsaustausch?

Oder anders: Wer braucht sinnvollerweise wann zu welchem Zweck welche Daten?

2018-10